Die Krise der afrikanischen Vogelwelt

Ein wissenschaftlich fundierter Weckruf zum Handeln

Afrika erlebt derzeit einen dramatischen Rückgang seiner großen Vogelarten – insbesondere der Greifvögel. Diese Entwicklung stellt nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein soziales und wirtschaftliches Problem dar. Zahlreiche wissenschaftliche Studien – unter anderem zu Greifvögel der Savanne (Shaw et al., 2024), kenianischen Greifvögeln (Ogada et al., 2022), den Auswirkungen von Pestizidvergiftungen (Ogada, 2014), der Vogelentwicklung im nördlichen Sahel (Thiollay, 2006), den Ursachen und Folgen des Rückgangs von Geierpopulationen (Ogada, Keesing & Virani, 2011), den Herausforderungen urbaner Greifvögel (McPherson et al., 2021) sowie der Problematik von Raptor-Elektrokutionen (Lehman, Kennedy & Savidge, 2007) – belegen eindeutig: Die derzeitigen Naturschutzmaßnahmen greifen nicht aus, um den drohenden Verlust dieser Schlüsselarten wirksam zu stoppen.

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1. Hintergrund und Bedeutung von Greifvögeln und Falken für das Ökosystem

Die natürlichen Lebensräume Afrikas, insbesondere Savannen und aride Gebiete, werden zunehmend in landwirtschaftliche Flächen umgewandelt. Dies führt zu einem massiven Verlust an Biodiversität und beeinträchtigt die komplexen ökologischen Netzwerke, in denen Greifvögel als Spitzenprädatoren und Aasfresser zentrale Rollen spielen (Ogada, Keesing & Virani, 2011). Diese Vögel regulieren Beutetierpopulationen, unterstützen die rasche Entfernung von Kadavern und minimieren dadurch die Ausbreitung von Krankheiten – ein Service, der direkt auch den Menschen zugutekommt (Ogada et al., 2012).
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2. Wo liegen die Probleme?

a) Verlust der Greifvögel der Savanne

Eine großangelegte Studie (Shaw et al., 2024) zu 42 Greifvogelarten in afrikanischen Savannen über einen Zeitraum von 20 bis 40 Jahren zeigt alarmierende Rückgänge:

88 % der untersuchten Arten verzeichnen einen Bestandsrückgang,
69 % erreichen die IUCN-Kriterien für gefährdete Arten.

Besonders betroffen sind große, langsam brütende Arten, deren Populationen außerhalb geschützter Gebiete drastisch sinken. Die Untersuchung hebt hervor, dass Schutzgebiete eine entscheidende Rolle für das Überleben dieser Arten spielen (Shaw et al., 2024).

b) Langfristige Rückgänge in Kenia

In Kenia wurden über 40 Jahre hinweg Straßenzählungen durchgeführt, die einen drastischen Rückgang der meisten Greifvogelarten dokumentieren:

• Der Bestandsrückgang in ungeschützten Gebieten beträgt bis zu 76 %, während er in Schutzgebieten 23 % beträgt (Ogada et al., 2022).
• Besonders kleine und mittelgroße Arten, die oft als „Indikatorarten“ für Umweltveränderungen dienen, sind stark betroffen (Ogada et al., 2022).

Es ist deutlich, dass in ungeschützten Gebieten die Bestände von Greifvögeln deutlich stärker zurückgehen als in ausgewiesenen Schutzgebieten – ein klares Indiz dafür, dass bestehende Schutzkonzepte verbessert werden müssen (Ogada et al., 2022; Shaw et al., 2024).

c) Pestizidvergiftungen und deren verheerende Folgen

Synthetische Pestizide, die ursprünglich als kostengünstiges Mittel zur Wildtierbekämpfung eingeführt wurden, tragen maßgeblich zur Vergiftung von Greifvögeln und Aasfressern bei. Die Gesetzeslage sowie die Durchsetzung bestehender Regelungen lassen hier zu wünschen übrig. Die Übersichtsarbeit „The Power of Poison“ (Ogada, 2014) zeigt auf, dass synthetische Pestizide, ursprünglich als kostengünstiges Mittel zur Wildtierkontrolle eingeführt, heute massiv zur Vergiftung zahlreicher Arten beitragen.

• Greifvögel und Aasfresser, die sich von vergifteten Kadavern ernähren, sind besonders betroffen.
• Die Studie dokumentiert, dass Pestizidvergiftungen oft unentdeckt bleiben, da viele afrikanische Länder keine ausreichenden forensischen Untersuchungsmöglichkeiten haben.
• Sie empfiehlt dringend eine bessere Regulierung, stärkere Überwachung und internationale Kooperationen, um das Problem einzudämmen.

d) Der dramatische Rückgang großer Vögel im nördlichen Sahel

Eine Langzeitstudie im nördlichen Sahel (Thiollay, 2006) dokumentiert den nahezu vollständigen Verlust großer Vogelarten wie Strauße, Geier und Bussarde:

• Während in den 1970er-Jahren noch zahlreiche Individuen gezählt wurden, sind viele dieser Arten heute nahezu verschwunden.
• Ursachen sind unter anderem Überjagung, Habitatdegradation durch Überweidung sowie indirekte Vergiftungen (Thiollay, 2006).

e) Zerstörung natürlicher Lebensräume

Weitere Studien dokumentieren, dass Geierpopulationen weltweit, insbesondere in Afrika, massiv schrumpfen (Ogada, Keesing & Virani, 2011), und dass urbane Greifvögel mit spezifischen Problemen konfrontiert sind, die spezielle Managementmaßnahmen erfordern (McPherson et al., 2021). Afrikas Savannen und aride Regionen werden in rasantem Tempo in landwirtschaftliche Flächen umgewandelt, was zu einem drastischen Biodiversitätsverlust und zur Zerstörung komplexer ökologischer Netzwerke führt (Ogada et al., 2011).
Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass ohne sofortige und effektive Naturschutzmaßnahmen weitere Rückgänge unvermeidlich sind.

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3. Dringende Handlungsbedarfe und Empfehlungen

Die Studien zeigen, dass die afrikanische Vogelwelt durch eine Kombination von Habitatverlust, Vergiftungen und unzureichendem Schutz stark bedroht ist. Um diesen Trend umzukehren, müssen folgende Maßnahmen ergriffen werden:

Ausweitung und konsequente Verwaltung von Schutzgebieten: Es bedarf einer massiven Ausweitung von Schutzflächen, idealerweise auf mindestens 30 % des Landes, um einen sicheren Lebensraum für gefährdete Arten zu gewährleisten (Shaw et al., 2024). Hier müssen jedoch zwingend die lokalen Einwohner mit einbezogen werden.

Strengere Regulierungen beim Einsatz von Pestiziden: Es müssen effektive gesetzliche Maßnahmen eingeführt und konsequent durchgesetzt werden, um die Vergiftung von Wildtieren zu verhindern (Ogada, 2014).

Gezielte Öffentlichkeitsarbeit: Die Bevölkerung muss über die Bedeutung der Greifvögel für das Ökosystem aufgeklärt werden, um gesellschaftliche Unterstützung für dringend notwendige Naturschutzmaßnahmen zu gewinnen (Ogada et al., 2011).

Internationale Kooperation: Die globale Dimension der Bedrohung erfordert verstärkte internationale Zusammenarbeit, um finanzielle und technische Unterstützung zu mobilisieren (Thiollay, 2006).

Innovative Maßnahmen gegen Elektrokution: Die Entwicklung und Implementierung standardisierter, effektiver Lösungen zur Verhinderung von Elektrokutionen muss intensiviert werden (Lehman, Kennedy & Savidge, 2007).

Spezielle Strategien für urbane Lebensräume: Für Greifvögel in städtischen Gebieten sind maßgeschneiderte Management- und Schutzkonzepte erforderlich, um Konflikte zwischen Mensch und Tier zu minimieren (McPherson et al., 2021).

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4. Fazit

Die wissenschaftlichen Untersuchungen machen deutlich: Ohne entschlossenes Handeln droht das irreversible Verschwinden zahlreicher Schlüsselspezies. Ihr Verlust hätte gravierende Folgen für ganze Ökosysteme. Der Schutz der afrikanischen Vogelwelt ist daher nicht nur eine Frage des Artenschutzes, sondern ein essenzieller Beitrag zur Erhaltung der ökologischen Balance.

Gemeinsam können wir dazu beitragen, dass die beeindruckenden Greifvögel und Großvögel Afrikas auch in Zukunft eine lebendige Rolle in der Natur spielen.

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5. Literaturverzeichnis

• Lehman, R. N., Kennedy, P. L., & Savidge, J. A. (2007). The state of the art in raptor electrocution research: A global review. Biological Conservation, 136(2), 159–174.
• McPherson, S. C., Sumasgutner, P., Hoffman, B. H., Padbury, B. D. L., Brown, M., Caine, T. P., & Downs, C. T. (2021). Surviving the urban jungle: Anthropogenic threats, wildlife-conflicts, and management recommendations for African Crowned Eagles. Frontiers in Ecology and Evolution, 9, 662623.
• Ogada, D. L. (2014). The power of poison: Pesticide poisoning of Africa’s wildlife. Annals of the New York Academy of Sciences, 1314(1), 1–20.
• Ogada, D. L., Keesing, F., & Virani, M. Z. (2011). Dropping dead: Causes and consequences of vulture population declines worldwide. Annals of the New York Academy of Sciences, 1223(1), 57–71.
• Ogada, D. L., Virani, M. Z., Kendall, C. J., & Thomsett, S. (2022). Evidence of widespread declines in Kenya’s raptor populations over a 40-year period. Biological Conservation, 266, 109361.
• Shaw, P., Ogada, D. L., Dunn, L., et al. (2024). African savanna raptors show evidence of widespread population collapse and a growing dependence on protected areas. Nature Ecology & Evolution, 8, 45–56.
• Thiollay, J.-M. (2006). Severe decline of large birds in the Northern Sahel of West Africa: A long-term assessment. Bird Conservation International, 16(4), 353–365.

 

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